Pilzschutz - Naturschutz

 
Auszug aus: Wegweiser durch die Natur; PILZE Miteleuropas; Verlag das Beste, Stuttgart 1982.
 
Während uns die Schutzbedürftigkeit seltener grüner Pflanzen wie Orchideen, Aronstab, Enzian und vom Aussterben bedrohter Tiere wie Greifvögel, Birkhuhn, Murmeltier seit langem bewusst ist, werden Pilze selten unter dem Gesichtspunkt des Arten- und Biotopschutzes betrachtet. Deshalb soll hier etwas Grundsätzliches darüber gesagt werden.

Um die Frage zu klären, welche Pilzarten selten werden oder gar vom Aussterben bedroht sind, müssen zunächst Bestandsaufnahmen gemacht und die möglichen Ursachen dafür geprüft werden. Für einigermassen gesicherte Aussagen ist ein sehr langer Beobachtungszeitraum notwendig.

Von Pfifferlingen z.B. ist bekannt, dass sie ständig im Rückzug begriffen und in stadtnahen Gebieten vielfach schon ausgestorben sind. Riesenschirmpilze gehen in vielen Gebieten seit Jahren zurück, während Safranschirmlinge und vor allem Schopftintlinge sich immer mehr ausbreiten.
 
Schopftintling Spacer Einer der wenigen Pilze die immer häufiger werden - Der Schopftintling.
 
Die Ursachen lassen sich in vier Themengruppen zusammenfassen:
  1. Rücksichtsloses Sammeln, massenhaft gezieltes Sammeln weniger Speisepilzarten
  2. Wald- und weidewirtschaftliche Einflüsse, Wegebau, rationelle Kulturbaumarten, Düngung
  3. Grossindustrielle Immissionseinflüsse
  4. Altersstufen der Wälder und Heidelandschaften, Jahresklima
In den letzten zehn Jahren tauchten immer wieder Meldungen auf, dass das wachsende Heer der Pilzsammler bald alle Pilze ausgerottet haben werde. Die Folge davon war,dass gebietsweise Sammelverbote, Mengenbeschränkungen und andere staatliche Eingriffe zum Pilzschutz erprobt wurden. Mit generellen Verboten, die ausserdem kaum zu überwachen sind, ist aber dem Problem kaum beizukommen.
 
Pfifferlinge   Ist der Pfifferling nur durch ein totales Sammelverbot vor dem Aussterben zu retten?
 
Durch Aufklärung über richtiges Sammeln und durch eine Art rote Liste der gefährdeten Arten, die ständig durch neue Erkenntnisse ergänzt werden müsste, wäre sicherlich mehr zu erreichen.

Auf der roten Liste müsste dann auch der beliebte Pfifferling erscheinen, denn er gehört zu den Arten, die massenhaft und gezielt gesammelt werden. Wird von immer mehr Speisepilzsammlern eine einzige Art gesammelt, ist es leicht erklärlich, dass kaum noch reife Fruchtkörper die Chance haben, Sporen abzuwerfen. Eine Pilz-, Pflanzen- oder Tierart produziert aber nur so viele Sporen, Samen oder Nachkommen, wie im biologischen Gleichgewicht zur Arterhaltung nötig sind, zumindest solange der Mensch nicht eingreift oder grossklimatische Veränderungen nicht völlig neue Lebensgemeinschaften in der Natur, neue Ökosysterne, hervorbringen. Beim Pfifferling ist es sicher der Sammler, der die Art bedroht. Denn oft werden auch noch die kleinsten Pilzchen aus dem Moos gegraben, und sogar halb verdorbene, alte Hüte wandern noch wie eine Trophäe in den Korb -und später in den Mülleimer. Damit wird der Art sicher der Garaus gemacht. Zu den Arten, die durch das Sammeln bedroht werden, gehören zumindest nahe den Ballungsgebieten auch Steinpilze, Wiesenchampignons und der Parasol.
 
Steinpilz, Parasol
Durch übermässiges sammeln bedroht - Steinpilz und Parasol

Wohl die bedeutendste Ursache für Veränderungen in der Pilzflora ist die moderne Wald- und Landwirtschaft. Moderne Erntemaschinen erfordern eine künstliche Parzellierung der gesamten Landschaft. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten ein grasbewachsener Weg ausreichte, finden wir heute eine geschotterte oder gar geteerte Feld- oder Waldstrasse. Solche Erntestrassen sind teuer. Deshalb werden sie zumindest auf der Hangseite durch einen tiefen Graben gegen Überflutung oder Unterspülung gesichert. Steile künstliche Böschungen und der anschliessende Graben beschleunigen den Wasserabfluss. Nassstellen und Druckwasserhänge trocknen aus oder werden zu einem erbärmlichen Rinnsal zusammengefasst. Der Grundwasserspiegel sinkt, und dies kann zusammen mit der veränderten Ventilation - Waldschneisen und -wege sind regelrechte Windleitlinien - verheerende Folgen für Pilze, aber auch Moose und Bärlappe haben.

Wenn man trotzdem am Weg oder am Rand einer Lichtung oft die meisten Pilze sieht, so liegt es daran, dass in der Traufe der Bäume auch die feinen Haarwurzeln zur Lebensgemeinschaft Pilz-Baum liegen und dass dort - wie der Name sagt -das Regenwasser abläuft. Am Waldrand hingegen findet man meist nur wenige, auf den Bruch zwischen offenem Land und Wald mehr spezialisierte Arten. Breite Waldstrassen, Holzabfuhrwege, haben fast den Charakter von Waldrändern.

Ein weiterer Faktor, der die Pilzflora verändert sind in diesem Zusammenhang die zur Aufforstung verwendeten Baumarten. Neben den Kiefern gelten aber alle Baumarten als unwirtschaftlich. Kein Wunder, dass dabei die vielen tannen-oder buchenbegleitenden Pilzarten, ja Laubwald-Pilzarten überhaupt, verschwinden.

Auf Wiesen, die mit künstlichen Nitraten und fossilem Kalium gedüngt wurden, wird man schon nach kurzer Zeit kaum mehr einen Champignon finden. Kommt aber noch Jauchekonzentrat hinzu, wachsen statt der hier ausgerotteten Champignons nur noch Schopftintlinge. Die Langzeitwirkung dieser intensiven Land- und Forstwirtschaft kann kein Mensch genau vorausbestimmen. Aber eines ist sicher: Die Vielfalt an Pilzen und Pflanzen wird durch wenige Arten, die sich der Mensch gefügig machen kann, ersetzt.

Wie die Pilze auf ein sich veränderndes Klima reagieren ist noch nicht abzusehen. Es wird in Zukunft nicht ohne Pilzsammelverbot in bestimmten Schutzgebieten möglich sein wertvolle Pilzreservate und sensible Lebensräume zu schonen.
16.01.2014
 
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